Eine digitale Illustration eines Jugendlichen mit hellblonden Haaren, der im Profil vor einer kontrastreichen Kulisse steht. Links von ihm befindet sich eine kühle, technische Wand aus bläulichen Dreieck-Mustern, aus der horizontale Neonröhren in Pink und Türkis ragen. Rechts hinter ihm bricht eine organische, leuchtende Kraft hervor, die wie ein goldener, wurzelartiger Baum mit pinken Blitzen und funkelndem Nebel wirkt. Der Jugendliche trägt eine dunkle Jacke und blickt neutral in die Kamera, während sein Gesicht von den warmen Goldtönen der rechten Seite beleuchtet wird. Das Bild symbolisiert das Spannungsfeld zwischen technologischer Struktur und individueller Lebenskraft.

Lernende in der AV-Dual – eine persönliche Darstellung


Lesezeit: ca. 10 Minuten – Wörter: 2.413

Die AvDual ist ein bildungspolitisches Angebot für Jugendliche, die nach Erfüllung der Vollzeitschulpflicht weder eine Ausbildungsstelle noch einen Platz in der Sekundarstufe II gefunden haben. Sie richtet sich an unter 18-Jährige, die bis zum 1. August des jeweiligen Schuljahres das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Die AvDual setzt auf eine Dualisierung der Lernorte – drei Tage Betrieb, zwei Tage Schule – und ein Mentoring-System, das die Jugendlichen bei der Entwicklung einer Anschlussperspektive unterstützt. Die Maßnahme zielt darauf ab, Ausbildungsreife zu fördern und den Übergang in eine duale Berufsausbildung zu ermöglichen.

Laut den Vorgaben des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (HIBB) handelt es sich um eine Maßnahme für Jugendliche, die einen begründeten Berufswahlentschluss noch nicht treffen konnten oder deren Vorstellungen nicht mit den Anforderungen des Ausbildungsmarktes übereinstimmen. Die Zielgruppe ist heterogen: Dazu gehören Lernende mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, Jugendliche mit Migrationshintergrund, die nach dem Besuch internationaler Vorbereitungsklassen in den Regelunterricht gewechselt sind, sowie Schulabsolventen, die trotz Abschluss keine Anschlussperspektive haben.

So lautet der offizielle Auftrag der AV-Dual – klar strukturiert, mit definierten Zielen und einem methodischen Rahmen, der Jugendlichen den Übergang in Ausbildung und Beruf ermöglichen soll. Auf dem Papier wirkt das System durchdacht: dualisierte Lernorte, Mentoring, individuelle Förderung. Es ist ein Angebot für diejenigen, die noch keine klare Perspektive haben, die Orientierung brauchen, die einen „begründeten Berufswahlentschluss“ entwickeln sollen.

Diese Informationen samt den dazugehörigen offiziellen Quellen folgend, sieht NotebookLM von Google den typischen Schüler (ich benutzte hier bewusst die rein männliche Form, da der Großteil der Lernenden in der AV-Dual männliche Jugendliche sind) so aus:

eine andere Realität

Doch was passiert, wenn die Realität der Lernenden nicht in diese Kategorien passt? Wenn die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, weit über fehlende Berufsorientierung hinausgehen? Wenn die Biografien, die sie mitbringen, nicht nur von Unsicherheit geprägt sind, sondern von Brüchen, die kein Lehrplan vorsehen kann?

Die AV-Dual spricht von „heterogener Zielgruppe“ – und ja, sie ist heterogen. Aber diese Heterogenität zeigt sich nicht nur in unterschiedlichen Lernständen oder Interessen. Sie zeigt sich in Geschichten, die nicht in Aktennotizen passen oder aus LEG-Bögen und Konferenzprotokollen entnommen werden können. In Erfahrungen, die sich nicht mit Standardmaßnahmen lösen lassen. In jungen Menschen, deren Leben oft komplexer ist als die Instrumente, die ihnen angeboten werden.

Die folgenden fiktiven Profile – alle von mir inspiriert durch reale Erfahrungen und Begegnungen, die ich den letzten Jahren in Klassenräumen der AV-Dual machen durfte – sollen genau das sichtbar machen: Dass es nicht ausreicht, von „Orientierungslosigkeit“ zu sprechen, wenn die eigentliche Desorientierung tiefer sitzt. Dass „Motivationsdefizite“ manchmal in Wahrheit Überlebensstrategien sind. Und dass „Schulmüdigkeit“ oft nur ein Wort für etwas ist, das wir noch nicht verstanden haben.

Denn die Teilnahme an der AV-Dual ist für Jugendliche nicht immer Ausdruck mangelnder Motivation oder Orientierung. Immer häufiger sind es die Folgen komplexer Lebenslagen: biografischer Brüche, familiärer Verantwortung, Flucht- und Gewalterfahrungen, psychischer Belastungen oder langjähriger Erfahrungen von Ausgrenzung. Hinzu kommen nicht erkannte oder nicht diagnostizierte Förderbedarfe und Lernbeeinträchtigungen – etwa im Bereich Sprache, Konzentration, Wahrnehmung oder Informationsverarbeitung –, die den schulischen Alltag zusätzlich erschweren, ohne formell benannt oder pädagogisch aufgefangen zu sein. Diese Faktoren prägen Lernverhalten, Anwesenheit und Beteiligung – und sind oftmals der eigentliche Grund, warum Jugendliche dieses Angebot benötigen.

Kim - Wenn die Suche nach sich selbst alles andere überlagert

Kim sitzt meist in der letzten Reihe, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die Kopfhörer auf den Ohren. Die Lehrkräfte deuten das als Desinteresse, dabei ist es eine Überlebensstrategie. Kim ist nicht unmotiviert – Kim ist überfordert. Nicht von den schulischen Inhalten, sondern von der Frage, wer man eigentlich ist, wenn alle Erwartungen wie ein Korsett wirken. Die AV-Dual geht von Jugendlichen aus, die „noch keinen begründeten Berufswahlentschluss“ haben. Doch bei Kim beginnt das Problem früher: Wie soll man sich für einen Beruf entscheiden, wenn man nicht einmal weiß, wie man sich selbst definieren soll?

Aus der alten Schule kommt die Information: „Schulmüdigkeit, soziale Ängste“. Was nicht daraus hervorgeht: Dass Kim jahrelang in einer Schule war, in der „anders sein“ gleichbedeutend mit „Zielscheibe sein“ durch die anderen Jugendlichen gewesen ist. Dass Kim gelernt hat, unsichtbar zu werden oder komplett der Schule fern zu bleiben, weil Sichtbarkeit Schmerz bedeutete. Nun wirkt die AV-Dual mit ihren Praktika und Bewerbungstrainings wie ein Paralleluniversum – eines, in dem alle voraussetzen, dass man einfach „mitmachen“ kann. Doch Kim kämpft jeden Morgen aufs Neue mit der Frage: „Was, wenn ich heute wieder nicht kann?“

Manchmal, in seltenen Momenten, blitzt etwas auf: ein scharfer Verstand, ein unerwarteter Einfall, eine tiefe Reflexion über Themen, die andere kaltlassen. Doch diese Momente sind flüchtig, erstickt von der Angst, aufzufallen – und damit wieder angreifbar zu werden.

Alex - Zwischen Flucht, Intellekt und der Unsichtbarkeit der Sprache

Als Alex in die AV-Dual kommt, ist lediglich folgendes bekannt: „Gute analytische Fähigkeiten, aber sprachliche Defizite. Unregelmäßige Teilnahme.“ Was die Lehrkräfte erst im Laufr des Schuljahres erfahren, ist dass Alex mit 14 die Eltern bei der Flucht aus einem Land begleitet hat, in dem die Familie wegen ihrer politischen Haltung bedroht wurde. Dass Alex in der alten Heimat Bücher über Physik und Philosophie verschlang, während andere Jugendliche mit Gleichaltrigen abhingen. Dass Alex’ „Motivationsprobleme“ in Wahrheit eine stille Verzweiflung sind: Wie soll ich mich für eine Ausbildung begeistern, wenn ich eigentlich studieren will – und niemand mich versteht?

In der AV-Dual fällt Alex auf – aber nicht so, wie es zunächst einzuordnen ist. In gemeinsamen Unterrichtsphasen löst Alex mathematische Aufgaben schnell, während andere noch nach passenden Formeln suchen. In Gesprächen bringt Alex Fragen ein, die über den aktuellen Lerngegenstand hinausgehen. Gleichzeitig bleiben diese Beiträge oft ohne vertiefende Einordnung, weil Zeit, sprachliche Passung oder curriculare Vorgaben eine weitere Auseinandersetzung erschweren. Zurück bleibt bei Alex das diffuse Gefühl, dass etwas Wesentliches unbeachtet bleibt – und die Frage, was eigentlich als „wesentlich“ gilt, wenn man spürt, mehr zu können, es aber nicht ausdrücken kann.

Alex’ Stärken sind unsichtbar, weil sie sich nicht in Noten oder Zertifikaten zeigen. Stattdessen gibt es die ständige Erinnerung: „Dein Deutsch ist nicht gut genug.“ Nicht für das Gymnasium. Nicht für die Ausbildung. Nicht für die Zukunft, die Alex sich eigentlich vorstellt. Also spielt Alex mit, absolviert die Praktika, schreibt die Bewerbungen – und fragt sich insgeheim: „Wann darf ich endlich ich selbst sein?“

Ari – Wenn die Vergangenheit lauter ist als die Gegenwart

Ari kommt oft zu spät. Nicht aus Schlamperei, sondern weil die Nächte kurz sind. Im schulischen Alltag werden vor allem wiederkehrende Muster sichtbar, etwa häufige Fehlzeiten oder Phasen eingeschränkter Konzentration. Welche Gründe dahinterstehen, erschließt sich jedoch nicht sofort. Denn dass Ari bis vor einem Jahr in einem Haushalt lebte, in dem Gewalt und Schuldzuweisungen den Alltag bestimmten, wird nicht ohne Weiteres bekannt. Auch die Tatsache, dass Ari gelernt hat, unsichtbar zu werden, weil Sichtbarkeit Bestrafung bedeutete, bleibt zunächst verborgen. Ebenso wirkt die Wohngruppe, die Ari heute bewohnt und die formal als Ort der Sicherheit gilt, für Ari noch immer fremd und kaum greifbar.

In der AV-Dual wirkt Ari oft abwesend. Das kann Lehrkräften auch als Desinteresse gedeutet werden. Dabei ist Ari einfach woanders – in den Erinnerungen, die hochkommen, wenn jemand zu laut spricht. In der Angst, dass die nächste Tür, die knallt, wieder ein Wutausbruch bedeutet. In der ständigen Frage: „Bin ich hier wirklich sicher?“

Die AV-Dual setzt auf „praktische Erfahrungen“, um „Selbstvertrauen aufzubauen“. Doch wie baut man Selbstvertrauen auf, wenn man jeden Morgen aufwacht und sich fragt, ob man den Tag überstehen wird? Ari funktioniert. Ari macht die Aufgaben. Ari lächelt, wenn es erwartet wird. Doch innen ist da dieses ständige Zittern, diese Unsicherheit: „Wann fällt alles wieder zusammen?“

Manchmal, in den Pausen, sitzt Ari einfach nur da. Stumm. Die anderen denken, Ari ist müde. Dabei hört Ari nur die Stimmen von damals. Und zählt die Sekunden, bis der Tag vorbei ist.

Taylor – Wenn die Straße zum Zuhause wird

Taylor trägt immer dieselbe Jacke – eine dunkle, abgewetzte Bomberjacke, die zwei Nummern zu groß ist. Beim Wechsel in die AV-Dual wird notiert: „Häufige Fehlzeiten, unklare Wohnsituation.“ Was nicht darin steht: Dass Taylor seit Monaten in einer Notunterkunft für Jugendliche lebt, weil die Mutter in eine andere Stadt gezogen ist und Taylor einfach zurückgelassen hat. Dass Taylor die Schulpflicht nur noch erfüllt, weil es sonst gar nichts mehr gibt, woran man sich festhalten kann.

Die Lehrkräfte sagen: „Taylor hat Potenzial, aber keine Ausdauer.“ Sie wissen nicht, dass Taylor morgens oft nicht weiß, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Dass Taylor abends in einem Zimmer schläft, das mit drei anderen Jugendlichen geteilt wird, und dass die Nächte kurz sind, weil die Geräusche der Straße und die ständige Sorge um das eigene Überleben ohne ein unterstützendes Elternhaus kaum zur Ruhe kommen lassen. In der AV-Dual liegt der Fokus auf der „Berufsorientierung“, doch wie orientiert man sich, wenn das eigene Leben kein stabiles Fundament hat?

Im Unterricht wirkt Taylor oft abwesend. Nicht aus Desinteresse, sondern weil die Gedanken kreisen: „Wo schlafe ich nächste Woche?“ „Wie komme ich durch den Monat, wenn das Geld wieder nicht reicht?“ „Was, wenn ich auch hier keinen Abschluss erreichen kann und wirklich niemand mehr da ist?“ Schule und Mentor:innen bieten Unterstützung an, sprechen über Möglichkeiten und nächste Schritte. Doch Taylor hat zu oft erlebt, dass zugesagte Hilfe ausbleibt oder nicht trägt. Vertrauen in Erwachsene ist brüchig geworden – und Hilfe anzunehmen fühlt sich inzwischen riskanter an, als allein weiterzumachen.

Taylor kommt insgesamt viel zu selten in die Schule. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die privaten Themen schlicht größer sind als alles, was der Schulalltag auffangen kann. Schlaf findet Taylor kaum: Oft bleibt Taylor bis kurz vor Schulbeginn wach, weil die Gedanken nicht zur Ruhe kommen und die Unsicherheit der Gesamtsituation überwiegt. In der kalten Einrichtung schläft Taylor dann erschöpft ein, bis Betreuer:innen zum Aufstehen drängen. Der Weg in die Schule folgt manchmal, aber auf keinen Fall regelmäßig- denn oftmals ist bereits klar, dass Lernen kaum möglich ist.

Remi – Die Wut, die bleibt

Remis Schulakte ist so umfangreich, dass sie auf zwei Mappen verteilt werden musste. Sie ist gefüllt mit Gewaltmeldebögen, Konferenzprotokollen zu aggressivem Verhalten sowie Dokumentationen von Unterrichtsstörungen und Auseinandersetzungen. Hinzu kommen Vermerke wie „Stört den Unterricht. Provokationen. Geringe Kooperationsbereitschaft.“ Nicht festgehalten ist jedoch, dass Remi bereits seit der Grundschule gelernt hat, Aufmerksamkeit nur dann zu bekommen, wenn diese laut eingefordert wird. Die Wut, die bei kleinsten Konflikten hervorbricht, erweist sich weniger als Ursache denn als Schutzmauer – entstanden über Jahre, in denen Ruhe gleichbedeutend mit Unsichtbarkeit war.

Die Lehrkräfte der AV-Dual werden von der abgegebenen Schule quasi schon gewarnt, „Mit Remi in der Klasse habt ihr nur Stress!“. Auch hier sehen Lehrkräfte die zusammengerollten Arbeitsblätter, die schroffen Antworten, die plötzlichen Ausbrüche. Sie sehen nicht die Nächte, in denen Remi wach lag und sich fragte, warum die eigenen Eltern einen immer nur anschrien, statt einfach mal zuzuhören. Sie sehen nicht, wie sehr Remi sich danach sehnt, dass jemand sagt: „Ich sehe dich – und ich bleibe trotzdem.“

In der AV-Dual zielen wir ab auf „Teamfähigkeit“ und „Konfliktlösung“. Doch wie soll man im Team arbeiten, wenn man sein ganzes Leben lang allein gekämpft hat? Wie soll man Konflikte lösen, wenn man nur kennt, dass Konflikte eskalieren – bis jemand aufgibt? Remi probiert es manchmal anders. Versucht, still mitzuarbeiten, die Aufgaben zu erledigen. Doch sobald etwas nicht klappt, ist da wieder dieses bekannte Gefühl: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie dich aufgeben.“ Und dann kommt der vertraute Reflex – die schroffe Antwort, die abweisende Geste, der Rückzug hinter die Mauer aus Gleichgültigkeit.

Ab und zu, wenn Remi sich traut, etwas zu zeigen – ein Talent für Technik, ein Gespür für Zahlen -, dann ist da dieser kurze Moment, in dem die Wut weicht. Doch meistens gewinnt die alte Gewissheit: „Es lohnt sich nicht, sich Mühe zu geben.“ Weil Mühe geben bisher nur eines bedeutet hat: noch mehr Enttäuschung.Diese Profile zeigen keine „Problemfälle“. Sie zeigen junge Menschen, die in die AV-Dual kommen, weil ihre Lebensrealitäten mehr Zeit, Stabilität und Begleitung erfordern, als es ein direkter Übergang in Ausbildung oder Sekundarstufe II oft zulässt.

„Was die Akten nicht erzählen: Wenn Leben und System aufeinandertreffen“

Die fünf fiktiven Profile – Kim, Alex, Ari, Taylor und Remi – sind keine Einzelfälle. Sie sind Spiegelbilder dessen, was passiert, wenn ein gut gemeintes System auf Lebensrealitäten trifft, die sich nicht in Kategorien pressen lassen. Die AV-Dual bietet Struktur, Praxisbezüge, Mentoring – alles Werkzeuge, die im Idealfall greifen. Doch was, wenn die eigentlichen Hürden der Lernenden gar nicht im „fehlenden Berufswahlentschluss“ liegen, sondern in Fragen, die kein Lehrplan beantworten kann? Wenn die größte Herausforderung nicht die Berufsorientierung ist, sondern die Suche nach Halt in einem Leben, das von Brüchen geprägt ist?

Die Methode, diese Geschichten in fiktiven, aber realitätsnahen Charakteren darzustellen, soll genau das zeigen: Dass hinter jeder Akte, jedem Vermerk, jeder statistischen Kategorie ein Mensch steht, dessen Bedürfnisse oft komplexer sind als die Lösungen, die wir anbieten. Es geht nicht darum, die AV-Dual infrage zu stellen, sondern darum, ihre Grenzen zu erkennen – und zu fragen: Wie können wir diese Lücken füllen? Wie schaffen wir Räume, in denen auch die Geschichten Platz haben, die nicht in die vorgegebenen Kästchen passen?

Fazit

Die behördlichen Vorgaben sprechen von „Orientierungslosigkeit“ – doch was, wenn die eigentliche Desorientierung tiefer sitzt? Wenn sie nicht aus mangelnder Berufsperspektive kommt, sondern aus der Frage: „Wo gehöre ich überhaupt hin?“ Sie sprechen von „Motivationsdefiziten“ – doch was, wenn die vermeintliche Unmotivierung in Wahrheit eine stille Verzweiflung ist? Wenn sie nicht aus Faulheit entsteht, sondern aus der Erfahrung, dass Anstrengung bisher nie belohnt wurde?

Die AV-Dual setzt auf „duale Lernorte“ – doch wie wirken betriebliche Praktika, wenn das größte Hindernis nicht fehlende Berufserfahrung ist, sondern das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören? Sie verspricht „Anschlüsse“ – doch wie schafft man Anschlüsse, wenn das Leben der Lernenden von Brüchen geprägt ist, die kein Lehrplan vorsehen kann?

Vielleicht geht es nicht darum, das System zu verwerfen, sondern darum, es mit anderen Augen zu sehen. Nicht als Lösung für alle Probleme, sondern als einen Raum, in dem auch Scheitern, Zweifel und Umwege Platz haben dürfen. Als einen Ort, an dem wir nicht nur fragen: „Wie bekommen wir dich in eine Ausbildung?“ – sondern auch: „Was brauchst du, um überhaupt anfangen zu können?“

Denn am Ende geht es nicht um die perfekte Maßnahme. Sondern darum, ob wir bereit sind, zuzuhören – auch wenn die Antworten unbequem sind.

Disskusionsanstoß

  • Habt ihr aktuelle oder ehemalige Lernende von Euch in den Charakteren wiedergefunden?
  • Habt Ihr auch das Gefühl, dass es in der AV-Dual mittlerweile viel mehr darum geht, Zeit fürs Sortieren des eigenen Lebens zu geben, als um berufliche Anschlüsse?

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