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In den letzten Tagen habe ich in meiner Berufsschulklasse Gespräche geführt, in denen Lernende ihre mündliche Mitarbeit einschätzen sollten. Die Situation ist vertraut: keine Prüfung, kein Druck, eher ein Versuch, ins Gespräch zu kommen. Und doch wiederholt sich etwas mit erstaunlicher Verlässlichkeit.
Die Einschätzung orientiert sich fast immer an zwei Punkten: Wie oft melde ich mich – und störe ich im Unterricht oder nicht.
Diese Reduktion ist nicht zufällig. Sie ist erlernt und hat viel damit zu tun, wie über Mitarbeit im schulischen Alltag gesprochen wird. Wenn von „mündlichen Noten“ die Rede ist, liegt es nahe, Beteiligung vor allem mit Sprechen und Sichtbarkeit gleichzusetzen – weniger als mit den vielfältigen Formen, in denen Lernen tatsächlich gemeinsam entsteht.
Wenn "Mitarbeit" zu wenig beschreibt
Der Begriff „mündliche Mitarbeit“ ist in diesem Zusammenhang bereits Teil des Problems. Er lenkt den Blick auf das Sprechen und damit auf das Sichtbare, während ein großer Teil dessen, was Unterricht trägt, aus dem Blick gerät.
Denn Beteiligung zeigt sich nicht nur im Redebeitrag. Sie zeigt sich im Zuhören, im Aufgreifen von Gedanken, im Strukturieren von Gesprächen, im Mitdenken, im Aushalten von Unsicherheit und im Weiterarbeiten trotz fehlender Sicherheit.
Ich formuliere das im Unterricht deshalb bewusst aus der Perspektive der Lernenden:
„Inwieweit trage ich zum positiven Vorankommen und gemeinsamen Lernen aller im Unterricht bei?“
Diese Frage ist anspruchsvoller. Sie lässt sich nicht spontan beantworten. Und genau darin liegt ihr pädagogischer Wert.
Wenn Beteiligung nicht in ihrer ganzen Breite verstanden wird
Wenn Lernende ihre Beteiligung vor allem über Meldehäufigkeit und Störverhalten beschreiben, liegt das weniger an fehlender Reflexionsbereitschaft als daran, dass die Tiefe und der Umfang von Unterrichtsbeteiligung selbst kaum bei ihnen explizit sind. Was alles zu „Mitarbeit“ gehört, bleibt oft implizit – und wird entsprechend auch nicht als eigenständige Qualität wahrgenommen.
Das zeigt sich daran, dass zentrale Aspekte von Beteiligung – etwa das strukturierte Einbringen von Gedanken, das Aufgreifen und Weiterführen von Beiträgen anderer, das begründete Hinterfragen oder auch das bewusste Aushalten von Unsicherheit – zwar im Unterricht stattfinden, aber selten als solche benannt werden.
Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Forschung: Ansätze wie Oracy machen deutlich, dass mündliche Beteiligung ein Zusammenspiel aus sprachlichen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten ist, in dem Zuhören, Argumentieren und gemeinsames Weiterdenken zentrale Rollen spielen (vgl. Voice 21 Teacher Guidance Pack: https://voice21.org/wp-content/uploads/2023/09/Oracy-October-2023-TEACHER-PACK.pdf). Gleichzeitig zeigen Befunde zur Metakognition, dass Lernende erst dann ein tragfähiges Verständnis ihres eigenen Lernens entwickeln, wenn sie ihr Vorgehen bewusst planen, währenddessen beobachten und im Anschluss bewerten (vgl. EEF Metacognition and Self-Regulated Learning: https://educationendowmentfoundation.org.uk/education-evidence/guidance-reports/metacognition).
Beteiligung ist damit nicht nur eine Frage der Aktivität, sondern eine Frage der Qualität von Lernhandlungen – und diese Qualität wird erst dann greifbar, wenn sie sprachlich und strukturell zugänglich gemacht wird.
Genau hier setzt der entwickelte und nachfolgend tiefergehend beschriebene Prompt an. Das allerdings nicht als fertiges Werkzeug, das einfach eingesetzt wird, sondern als bewusst gestalteter Zugang zu genau diesem Problem. Die grundlegende Idee besteht darin, die bislang oft impliziten Aspekte von Beteiligung zunächst gemeinsam zu klären, sprachlich zu fassen und in eine Struktur zu überführen, die für Lernende überhaupt erst greifbar wird.
KI als Unterstützung für einen strukturierten Reflexionsrahmen
Vor diesem Hintergrund habe ich mir die Frage gestellt, wie sich diese Herausforderung mit Hilfe von KI sinnvoll angehen lässt. Herausgekommen ist dabei ein Prompt, der genau an diesem Punkt ansetzt: Er unterstützt Lehrkräfte dabei, diese Struktur schrittweise zu entwickeln – also zu klären, welche Formen von Beteiligung sichtbar werden sollen, woran sich erkennen lässt, ob jemand zum gemeinsamen Lernen beiträgt, und wie sich das so formulieren lässt, dass Lernende sich darin wiederfinden und sich selbst dazu in Beziehung setzen können.
In diesem Zusammenhang wird auch die Stärke von KI deutlich genutzt. Sie soll dabei unterstützen, sprachlich zu präzisieren, strukturiert zu durchdenken und in eine Form zu bringen, die sowohl im analogen als auch im digitalen Raum weiterverarbeitet werden kann. Gerade in der Verbindung aus Formulierungshilfe, Strukturierung und technischer Aufbereitung entsteht ein Mehrwert, der über eine reine Ideensammlung hinausgeht.
Mega-Prompt als pädagogischer Ausgangspunkt
Der Prompt ist kein Werkzeug zur automatischen Bewertung. Er ist auch kein Instrument, das eine objektive Note erzeugt. Seine Funktion liegt an einer anderen Stelle. Er ist weniger ein Instrument zur Bewertung als ein Mittel zur Vorarbeit von Selbsteinschätzung, indem er hilft, Kriterien zu entwickeln, die nicht nur formal korrekt, sondern pädagogisch tragfähig sind.
Er strukturiert einen Prozess, in dem Lehrkräfte gemeinsam mit einem Sprachmodell einen Selbsteinschätzungsbogen entwickeln, der Lernenden ermöglicht, ihre Beteiligung differenzierter wahrzunehmen.
Anwendung und Ablauf des Mega-Prompts
Der Mega-Prompt ist als geführter, mehrstufiger Dialog konzipiert. Er funktioniert nicht wie ein einfacher Generator, der sofort ein fertiges Dokument auswirft, sondern wie ein Fachgespräch mit einer Expertin für Unterrichtsentwicklung. Sondern mehrstufig und mit der Intention einer für die Lehrperson passenden Ausgabe am Ende.
1. Die Rollenklärung und Kontextabfrage
Zuerst definiert der Prompt die KI als Fachperson für kompetenzorientierte Rückmeldung. Bevor Inhalte erstellt werden, fragt die KI nach dem Kontext:
Welche Schulform und Zielgruppe (z. B. Berufsschule mit „Sie“-Anrede)?
Welches technische Format wird benötigt (z. B. Moodle-Test oder PDF)?
2. Modulare Inhaltsauswahl (Die drei Säulen)
Der Prompt geht nacheinander die drei Kompetenzbereiche durch, um eine Überforderung durch zu viele Optionen zu vermeiden:
Fachkompetenz: Die Lehrkraft wählt aus einer Liste von Kriterien (z. B. „Erklären“, „Fragen stellen“).
Sozialkompetenz: Auswahl von Aspekten wie „Zuhören“ oder „Wertschätzung“.
Selbstkompetenz: Fokus auf „Lernziele“, „Ausdauer“ oder „Reflexion“.
Der Clou: Die KI schlägt pro Kriterium automatisch eine Anzahl von Fragen (Items) vor und kalibriert den Sprachstil (z. B. das „Sie“ in der Berufsschule) an Beispiel-Items.
3. Didaktische Gewichtung
Nachdem die Inhalte feststehen, lässt der Prompt die Lehrkraft entscheiden, wie die Bewertung erfolgen soll. Anstatt einer starren Verteilung erlaubt er:
Eine Gleichgewichtung aller Items.
Oder die Festlegung von Fokus-Kriterien, die doppelt gewichtet werden (was sich im XML-Code direkt in den
defaultgrade-Werten niederschlägt).
4. Transparenz durch die Zusammenfassung
Bevor technischer Code generiert wird, erstellt die KI eine Zusammenfassung zur Freigabe. Hier sieht die Lehrkraft auf einen Blick:
Sind alle gewünschten Kriterien enthalten?
Stimmt die Gewichtung?
Passt die 6-stufige Reflexionsskala?
5. Technische Finalisierung und Support
Erst nach dem „OK“ erfolgt die Ausgabe des komplexen Moodle-XML-Codes. Der Prompt stellt dabei sicher, dass:
Kategorien in der Fragensammlung sauber getrennt werden.
Die Feedback-Systematik (was bedeuten 75 % für den Lernenden?) mitgeliefert wird.
Anleitungen für den Import und die pädagogische Einbettung (wie der Einleitungstext) bereitgestellt werden.
Zusammenfassend: Der Prompt nimmt der Lehrkraft die mühsame Formulierungsarbeit und das technische XML-Coding ab, behält aber die pädagogische Entscheidungshoheit jederzeit bei der Lehrkraft.
Drei Kompetenzbereiche als bewusste Setzung
Ein zentraler Bestandteil dieses Rahmens ist die Orientierung an drei gleichwertigen Kompetenzbereichen: Fachkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz.
Diese Aufteilung ist keine theoretische Spielerei. Sie ist eine bewusste Gegenbewegung zur engen Vorstellung von Mitarbeit als reiner Beteiligungshäufigkeit.
- Fachkompetenz macht sichtbar, wie Lernende Inhalte einbringen, begründen und verknüpfen. Der Fokus liegt nicht auf Redeanteilen, sondern auf der Qualität der fachlichen Aussagen, der Fähigkeit zu begründen und Wissen zu transferieren. Dieser Zugang orientiert sich an Forschung zu dialogischem Lehren und Lernen (Education Endowment Foundation, Dialogic Teaching Project: https://educationendowmentfoundation.org.uk/projects-and-evaluation/projects/dialogic-teaching) und an Oracy-Frameworks, die qualitatives Sprechen über bloßes Reden-Müssen stellen (Voice 21, 2023: https://voice21.org/wp-content/uploads/2023/09/Oracy-October-2023-TEACHER-PACK.pdf).
- Sozialkompetenz richtet den Blick auf Zuhören, Gesprächsführung und Zusammenarbeit — also auf die Aspekte von Mitarbeit, die klassische Beteiligungslogik ausblendet. Aktives Zuhören, das Einbeziehen von anderen und konstruktive Kooperation sind essenzielle Kompetenzen, deren Bedeutung in der internationalen SEL-Forschung (Collaborative and Social-Emotional Learning) belegt ist (CASEL Framework: https://casel.org/fundamentals-of-sel/what-is-the-casel-framework/). Diese Perspektive würdigt Schüler:innen, deren Stärke nicht im spontanen Sprechen liegt, sondern in der konstruktiven Mitgestaltung von Lernräumen.
- Selbstkompetenz schließlich thematisiert den Umgang mit Unsicherheit, die Steuerung des eigenen Lernens und die Fähigkeit zur Reflexion. Hier greift die Prompt-Architektur auf Forschung zu Metacognition and Self-Regulated Learning zurück (Education Endowment Foundation, 2018: https://educationendowmentfoundation.org.uk/education-evidence/guidance-reports/metacognition), welche zeigt, dass Selbsteinschätzung und Reflexion zentrale Treiber von Lernfortschritt sind. Lernende, die ihr eigenes Lernen steuern können, ihre Stärken und Unsicherheiten realistisch einschätzen und aus Rückmeldung lernen, entwickeln nachweislich bessere Ergebnisse.
Erst in dieser Kombination entsteht ein Bild von Beteiligung, das der Realität von Unterricht näherkommt – und das alle Schüler:innen in ihrer Vielfalt sichtbar macht:
- die leise Denkerin, die tiefe fachliche Gedanken einbringt;
- den Teamplayer, der andere einbezieht;
- die Reflexive, die an ihren Unsicherheiten wächst.
Mitarbeit wird nicht gemessen, sondern als ganzheitliche Kompetenzentwicklung verstanden.
unterschiedlicher Output - je nach individuellem Bedarf der Lehrkraft
Der Prompt ist dabei nicht auf eine einzige Ausgabeform festgelegt. Genau das ist wichtig, weil Lehrkräfte in sehr unterschiedlichen technischen und schulischen Kontexten arbeiten. Manche benötigen einen Bogen, der als PDF ausgegeben, ausgedruckt oder digital ausgefüllt werden kann. Andere arbeiten mit Moodle und brauchen eine Struktur, die sich möglichst sauber in einen Kursraum oder in die Fragensammlung übernehmen lässt. Wieder andere möchten zunächst nur eine tabellarische Vorlage, um die Items anschließend selbst weiterzuverarbeiten.
Diese unterschiedlichen Ausgabewege sind kein bloß technisches Zusatzangebot, sondern Teil der pädagogischen Idee. Denn ein Selbsteinschätzungsbogen wird nur dann wirksam, wenn er dort ankommt, wo Lernende tatsächlich arbeiten, und wenn er für die Lehrkraft so handhabbar bleibt, dass die Auswertung nicht zu einer zusätzlichen Hürde wird. Der Prompt soll daher nicht nur gute Kriterien formulieren, sondern diese Kriterien auch in eine Form bringen, die im konkreten Unterrichtsalltag nutzbar ist.
Besonders interessant ist dabei die Möglichkeit, am Ende eine Moodle-XML-Datei zu erzeugen. In dieser Datei können die einzelnen Items mit abgestuften Punktwerten hinterlegt werden, sodass aus den Antworten der Lernenden eine prozentuale Rückmeldung entsteht. Diese Rückmeldung kann den Lernenden eine erste Gesamterkenntnis darüber geben, wie sie ihre eigene Unterrichtsbeteiligung wahrnehmen und das auch bezogen auf Fachkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz.
technischer Hintergrund zum Einsatz in Moodle
Zur Nutzung des Bogens in Moodle gibt es sowohl die Möglichkeit diese als Aktivität Feedback, aber auch als Aktivität Test zu nutzen. Warum die Aktivität Test?
Ein zentraler Grund, warum sich hier die Moodle-Aktivität „Test“ anbietet, liegt in genau dieser technischen Logik: Jeder Selbsteinschätzungsbogen besteht aus einzelnen Aussagen (Items), die die Lernenden auf einer abgestuften, individuell formulierten Skala beantworten.
Jede dieser Antwortstufen ist im System mit einem bestimmten Punktwert hinterlegt. Wenn Lernende den Bogen ausfüllen, werden diese Punkte automatisch addiert. Das Gesamtergebnis kann als Orientierung zu den Schwerpunkten der Unterrichtsbeteiligung der Lehrkraft im Vergleich zu 100% gesehen werden.
Gerade an dieser Stelle ist die pädagogische Einordnung entscheidend. Der entstehende Wert ist kein Notenergebnis und soll auch nicht als solches verstanden werden. Er bildet nicht ab, wie die Lehrkraft die Leistung bewertet, sondern wie Lernende sich selbst entlang zuvor geklärter Kriterien einschätzen. Damit entsteht kein Ersatz für professionelles Urteil, sondern ein Gesprächsanlass: Wo stimmt die eigene Wahrnehmung mit der Beobachtung der Lehrkraft überein? Wo weicht sie ab? Und was lässt sich daraus für das weitere Lernen ableiten?
Die technische Ausgabe als XML ist deshalb nicht das Ziel des Prompts, sondern eine mögliche Form seiner Anschlussfähigkeit. Sie macht sichtbar, was der Prompt pädagogisch vorbereitet: eine strukturierte, kriteriale und nachvollziehbare Selbsteinschätzung, die Lernenden Orientierung geben kann, ohne sie vorschnell in eine Note zu übersetzen.
Fazit
Der eigentliche Wert des Prompts liegt nicht in der technischen Ausgabe und auch nicht in der Möglichkeit, Ergebnisse in Prozent darzustellen. Sein Kern liegt in der Vorarbeit, die er leistet: Er unterstützt Lehrkräfte dabei, Kriterien für Unterrichtsbeteiligung bewusst zu klären, zu gewichten und sprachlich so zu fassen, dass Lernende sich daran orientieren können.
Damit verschiebt sich der Fokus von der nachträglichen Bewertung hin zur vorgelagerten Verständigung darüber, was unter Beteiligung überhaupt verstanden wird. Erst wenn diese Grundlage gelegt ist, wird Selbsteinschätzung für Lernende tragfähig – weil sie nicht mehr nur aus einem Gefühl heraus erfolgt, sondern entlang von Kriterien, die nachvollziehbar, differenziert und gemeinsam geklärt sind.
Der Prompt ersetzt dabei keine pädagogischen Entscheidungen. Er macht sie sichtbarer und zwingt dazu, sie explizit zu treffen. Genau darin liegt seine Stärke: Er hilft, das, was im Unterricht oft implizit bleibt, in eine Form zu bringen, die Orientierung ermöglicht – für Lehrkräfte und für Lernende gleichermaßen.
MATERIAL
Über diesen Button könnt ihr den Prompt als MD-Dateiherunterladen.
Disskusionsanstoß
Woran macht ihr in eurem Unterricht konkret fest, was „Beteiligung“ bedeutet und wie transparent ist das für eure Lernenden?
Welche Aspekte von Unterrichtsbeteiligung werden bei euch bislang berücksichtigt und welche bleiben eher implizit?
Wo seht ihr Chancen, KI bei der Strukturierung und Formulierung solcher Kriterien einzusetzen und wo liegen für euch Grenzen?





